Oftmals hört man es aus dem Volksmund blöken: „Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten!“ Ohne große Fantasieanstrengung ließe sich dieses Verdikt problemlos auf die Bedeutung der Karikatur in der Politik anwenden. Ihre Einflussnahme scheint verhältnismäßig gering und Ausnahmen wie der berüchtigte Karikaturenstreit, in dessen Verlauf einige Karikaturen des islamischen Irrationalismus einer dänischen Tageszeitung in der arabischen Welt auf solch eminenten Unmut stießen, dass es gar zu handfesten Auseinandersetzungen vor einigen dänischen Botschaften kam, bestätigen eher die Regel.

Politk & Gesellschaft

Politk & Gesellschaft – 2013 © Roger Schmidt

 

Die Tradition der Karikatur bestand seit je her darin, politische Persönlichkeiten oder Dispute durch spitze Überzeichnung kritisch zu kommentieren. Da im Zeitalter der Mediendemokratie die Persönlichkeiten der Politik nunmehr mit der Lupe zu finden sind, weil die Öffentlichkeit sich eher um die gefärbte Haarpracht eines einstigen Kanzlers sorgt, hat die Karikatur scheinbar mehr oder weniger ihren Gegenstand verloren bzw. sie wurde schlicht und einfach ihrer Funktion beraubt.

Vor gar nicht all zu langer Zeit galt als höchstes Kompliment für jeden Funktionsträger in der Politik ein beschönigendes Wort zu seinem Engagement. Vielleicht sollte diese Art Bewertung eines politischen Würdenträgers heute ad acta gelegt und an die Karikatur weiter delegiert werden: Altbundeskanzler wird nicht nur als Kanzler der Wende, sondern ganz sicher auch als „Birne“ die folgenden Dekaden überleben, Hans Dietrich Genscher verbreitet auch heute noch als „Genschman“ Angst und späterer Belustigung in Deutschlands Straßen. Unsterblichkeit und höchste Weihen erlangt in der heutigen Zeit ein Politiker erst in dem Guss einer Karikatur und diese Aufgabe wird vornehmlich den einschlägigen Satireblättern vorbehalten sein.
Was tut sich denn in der Tagespresse? Ein unschwer zu erkennender Peter Scholl Latour blickt schläfrig in Richtung des Betrachters und gähnt: „Hartz 4? Da sollte ich mal hinreisen!“ Das besitzt keinen Glamour, Potential für die Ewigkeit schon gar nicht. Wenn Birne konspirativ überlegt, wie er den verhassten Widersacher, den Rollstuhlfahrer, am erfolgversprechendsten einen Berg herunter schubsen kann, dann hat das Pepp, schwarzen Humor und wird sicherlich noch kommende Generationen die Tränen in die Augen treiben. Leider geht indes auch hiermit gleich jedweder kritischer Impetus über Bord: das menschlich, all zu menschliche wirkt so vertraut, dass die realen Handlungen des karikierten Trägers ins Hintertürchen geraten, bloß noch lästige Marginalie sind, die mal nicht den Spaß verderben sollen.
Die Karikatur im Milleniumzeitalter: Für Kritik an der Politik zu sehr dem Sachzwang verhaftet, um ihn überhaupt noch thematisieren zu können. Dafür wird’s aber zunehmend lustiger…

Übersicht Cartoons:

[ic_add_posts category=’Politik‘ paginate=’no‘]

2 Antworten

  1. Sehr geehrter Herr Schmidt,

    vergeblich habe ich nach der Karikatur gesucht, auf der ein Priester?/Richter? einem auf frischer Tat ertappten Mörder beruhigend die Hand auf die Schulter legt und sagt: „Sie sind ja völlig geschockt! Gehen Sie erst mal nach Haus und erholen Sie sich!
    Ich nehme an, dass diese Karikatur von Ihnen ist. Wo kann ich sie finden?

    Mit freundlichen Grüßen
    Astrid Herbison

Kommentare sind geschlossen.